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Leben von Luft und Liebe.

 

 

Der Zustand, wenn man frisch verliebt ist. So gesättigt von all dem Gefühlsüberschwang, dass außer Luft und Liebe nichts mehr gebraucht wird. Vollkommenes Lebensgefühl.

 

Leben von Luft und Liebe.

Das macht für mich Pfingsten aus. Ein Tag, Tage wie frisch verliebt. Und hat nicht auch das Ereignis, das in der Apostelgeschichte beschrieben wird, so ein bisschen etwas mit frisch verliebt zu tun? Wie trunken sein, scheinbar irre reden. Ein Brausen und Sausen um einen herum. Und trotzdem verstehen alle alles, egal welche Sprache sie sprechen.

Liebe – die universelle Sprache. Sie macht Verständigung ohne Worte möglich. Ja sogar: Worte können da manchmal eher schädlich sein.

 

Pfingsten: sein besonderes Fest. Besonders und – lebensnah. Meine ganz persönliche Empfindung.

 

Leben von Luft und Liebe.

Das ist für mich die christliche Botschaft schlechthin.

Leben von Luft und Liebe. Von Gottes Luft, Gottes Liebe.

 

Gott sendet an Pfingsten sein Geist aus. Er sendet ihn wieder aus. Dieser Geist war schon immer da, auch vor Pfingsten. Schon in der Schöpfungsgeschichte heißt es: Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Gott hat Adam seinen Atem eingehaucht. Seinen Geist. Und Geist, das ist alten deutschen Quellen zu entnehmen, ist ein anderes Wort für Atem, für Hauch, für Wind. Luft. Lebenselixier.

 

Die heutige Zeit scheint dazu angetan, eher zu sagen: der Geist Gottes weht halt, wo er will, womit wir oft Geringschätzung zum Ausdruck bringen. Auch wenn ich mich selbst dieses Eindrucks nicht erwehren kann – meinem Glauben entspricht es nicht.

 

Als ich 15 oder 16 war, hat mein Großvater einmal zu mir gesagt: „Du armes Kind, du glaubst immer noch an das Gute im Menschen“. Zu der Zeit war ich noch wesentlich naiver als heute und ich habe bis heute viel von meinem grundsätzlichen Vertrauen verloren, das ich früher noch hatte.

 

Aber eines glaube ich noch immer, vielleicht sogar jetzt erst wirklich umfassend: dass der Geist Gottes jedem Menschen innewohnt. Wir leben nicht aus uns selbst heraus. Wir können die Luft, die wir zum Atmen brauchen, nicht selbst herstellen.

 

Gott sendet an Pfingsten seinen Geist aus. Er sendet ihn erneut aus. Mit Brausen und gespaltenen, feurigen Zungen, mit scheinbar irrem Reden. Spektakulär. Zumindest in der Apostelgeschichte wird ein riesiges Spektakel beschrieben.

 

Gott sendet seinen Geist aus. Damit alle die Botschaft der christlichen Liebe erfahren können. Damit sich der Geist auf viele Menschen setzt, in vielen Menschen wirkt, die diese Botschaft weitertragen. Die Botschaft, von der das Neue Testament erzählt, die durch Jesus gelebt und gezeigt wird. Liebe, geprägt von Respekt. Geprägt von Verantwortung – für sich selbst, den Nächsten, die Schöpfung. Liebe, die heilen, die Wunder vollbringen kann. Diese Botschaft wird uns eingehaucht. Jedem Menschen.

Jedem Menschen. Jedem Menschen? Ist das nicht eine verwegene Behauptung, wenn ich mir beispielsweise vor Augen führe, dass so erschreckend viele Menschen in der Lage sind, sich an Kindern zu vergehen, Kinder zu töten. In der Lage sind, die Lebensgrundlage vieler aus reinem Gewinnstreben zu zerstören? Wie kann ich da sagen, auch diesen Menschen sei der Geist Gottes eingehaucht, die Fähigkeit zu lieben mit auf den Weg gegeben?

 

Jeder Mensch ist Saulus und Paulus. Und es ist eine Gnade, sich selbst nicht als Saulus kennen lernen zu müssen. Aber: Saulus und Paulus – das ist wieder eine andere Geschichte. Dennoch: machen nicht gerade die schlimmen Ereignisse in besonderer Weise deutlich, dass ein Leben ohne Liebe kein menschenwürdiges Leben ist?

 

Und wie war es denn in den letzten Wochen? All überall die Botschaft: Gesundheit ist das höchste Gut. Zweifelsohne ist Gesundheit ein wichtiges Gut und es ist wichtig, Maßnahmen zu ergreifen, damit Menschen gesund leben und gesund bleiben können. Aber es gibt nun mal auch viele kranke Menschen. Und viele von ihnen können trotzdem gut leben und leben gerne.

Weil sie Luft haben. Atmen können. Und sie leben umso besser, wenn sie Liebe erfahren, Liebe geben dürfen. Dies ist etlichen in den letzten Wochen verwehrt worden und manche und mancher mag an dem verordneten Liebesentzug mehr gelitten und mehr Lebensfreude verloren haben als durch ihre oder seine Krankheit. Leben ohne Liebe, Leben ohne Luft: das ist kein Leben. Ihre Lektorin Angelika Fallböhmer

Video: Ralph Ehrenreich

Schnitt: Bernd Schröder